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25.06.2018 Feuilleton

Die Rolle des Feindes

Innerstaatliche Aufrüstung: Der Dokfilm »Hamburger Gitter« über die Polizeigewalt beim G-20-Gipfel und ihre Folgen

Von Kai Köhler

»Hamburger Gitter – Der G-20-Gipfel als Schaufenster moderner Polizeiarbeit«, Regie: Marco Heinig, Steffen Maurer, D 2018, 76 min, Kinotermine (Auswahl): 25.6. Leipzig (UT Connewitz), 28.6. Berlin (Neues Off), 5.7. Jena (Kino am Markt), 18.7. Hamburg (Millerntor-Stadion), 3.8. Köln (Metropolis), 11./12.8. Hannover (Kino am Raschplatz), 14.8. Frankfurt am Main (Harmonie), 29.8. Wuppertal (Börse), www.hamburger-gitter.org

Der Hamburger G-20-Gipfel im vorigen Juli war eine Zäsur. Erfolgreich arrangierten Politik und Polizei heftige Kämpfe und stellten die Demonstranten als die Schuldigen hin. So organisierten sie den gewünschten Vorwand für eine Aufrüstung der Polizei. Das Filmkollektiv »Leftvision« war mit 13 Kameraleuten vor Ort, am Freitag hatte sein Film »Hamburger Gitter« im ausverkauften Kino International in Berlin Premiere. Er zeigt die Ereignisse und ihre Folgen. Nach gezielten Rechtsbrüchen der Polizei im Vorfeld des Gipfels boten bei der »Welcome to Hell«-Demo Geringfügigkeiten den eingeplanten Anlass für eine Gewaltorgie der Einsatzkräfte. »Hamburger Gitter« weist Brutalitäten der Polizei auch bei anderen Demos nach, Misshandlungen von Gefangenen und eine flächendeckende Behinderung unabhängiger journalistischer Arbeit. Ausführlich werden die juristischen Folgen gezeigt. Die Exekutive, allen voran der damalige Bürgermeister Olaf Scholz, den man wohl den Noske von der Alster nennen sollte, befahl harte Strafen und fand gehorsame Richter. Ein SS-Mann müsste schon etliche Dienstjahre in einem Vernichtungslager absolviert haben, um von der deutschen Justiz annähernd so unfreundlich behandelt zu werden wie jemand, der auf einer linken Demo war, wo eine Bierflasche in Richtung Polizeikette geworfen wurde.

Das alles zeigt der Film durchgehend sachlich und deshalb umso wirksamer. Man empört sich nicht aufgrund vager Gefühle, sondern weil man die Vorkommnisse begreift. Aussagen von Fachleuten und Aktivisten verdeutlichen Zusammenhänge. Dem Hamburger Polizeisprecher Timo Zill scheint die Arroganz der Macht ins Hirn gewachsen: Statt mit Nachdenklichkeit beim Publikum dieses Films zu punkten, bestätigt er unfreiwillig mit jedem seiner Sätze alles, was man gegen die Polizeimacht einwenden kann.

Damit sind wir beim zentralen Thema des Films, der Radikalisierung der Polizei. Experten wie Rafael Behr, Professor an der Polizeiakademie Hamburg, geben Einblicke ins Innenleben dieser keineswegs homogenen Institution: Kämpfertypen in SEKs repräsentieren nur einen Teil. Doch herrscht durchgehend ein Korpsgeist. Man schwärzt den Kollegen selten an, sogar wenn man meint, dass der in der Hitze des Gefechts mal ein wenig zu weit gegangen ist. In Hamburg förderte das die Einsatzleitung mit Falschmeldungen per Twitter, beispielsweise der, dass Kollegen durch Attacken von Linken erblindet seien.

In unübersichtlichen Lagen kann es auf allen Seiten Irrtümer geben. Doch jede Nachricht mit Panikpotential sogleich zu verbreiten, mit Beruhigungen dagegen um so zurückhaltender zu sein, heißt: Man will den Kampf anheizen. Dies gelang der Einsatzleitung. Zur Belohnung wurde in bürgerlichen Medien und bei der Mehrheit des Publikums ein klares Freund-Feind-Denken etabliert, wobei die Demonstranten die Rolle des Feindes der Gesellschaft zugewiesen bekamen.

Beunruhigt sind auch solide bürgerliche Demokraten wie Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung , ein Vertreter des Rechtsstaats, gewiss kein Linksradikaler. Leute wie er kritisieren im Film die fortschreitende Militarisierung der Polizei, die Überwachungsmöglichkeiten mittels Videokameras, Gesichtserkennung, Datenverknüpfung. Sie benennen nicht den Entwicklungsstand des Imperialismus, der eine solche Verschärfung nahelegt; dieser Aspekt fehlt auch im Film.

An dessen Ende stehen Statements von Aktivsten, denen die Polizei übel mitgespielt hat. Sie lassen sich nicht einschüchtern, werden weiterkämpfen. Das ist wichtig und überzeugend. Es mobilisiert, aber genügt nicht. Will man sich auch zukünftig von der Polizei verprügeln lassen und dann als Gewalttäter angeklagt werden? Gesucht werden Antworten auf schwierige Fragen: Mit welcher Taktik unterläuft man eine staatliche Eskalationsstrategie? Wie verbreitet man angesichts unfreundlich gesinnter Medien zeitnah eigene Bilder, und zwar über den engeren Kreis von Sympathisanten hinaus? Und drittens, vielleicht im Hinblick auf politischen Erfolg am wichtigsten: Wie bricht man den Korpsgeist der Polizei auf, wie gewinnt man eine fortschrittliche Fraktion unter den Waffenträgern? Diese Fragen stellt der Film nicht, doch legt er sie nahe.

Reposted byswissfondue-interimTokei-Ihto

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